ISBN 05 – Straßennamen erzählen Geschichte – Vorwort

Was allgemein als eine trockene Thematik erscheinen mag, erwies sich für die Autoren mit zunehmender Bearbeitung als hochinteressant. Auch die anfängliche Vermutung, daß es sich bei den kommunistischen Straßennamen um verstaubte Relikte einer vergangenen Zeit handeln könnte, erwies sich als Trugschluß. Dem widerspricht schon die Tatsache, daß ein Teil dieser Benennungen – nicht ohne politische Querelen – erst in den 80er Jahren vorgenommen wurde, einzelne Namensgebungen erst vor kurzem beschlossen worden sind.
Aktuelle politische Auseinandersetzungen um Straßennamen gibt es u.a. in Dortmund um die Springorumstraße, in Gladbeck um die Siemensstraße und in Bottrop um die Schaffung einer Clemens-Kraienhorst-Straße.
Kurzum eröffnet sich dem Leser des Buches ein Stück Geschichte und Kultur, das es verdient, stärker beachtet zu werden.
Menschliches Leben dem Vergessen zu entziehen, ist eines der Ziele, die der Benennung von Straßen, der Aufstellung von Denkmälern und dem Anbringen von Gedenktafel zu Grunde liegen. Dabei bestimmen diejenigen, die über die Vergabe von Straßennamen oder das Aufstellen von Denkmälern zu bestimmen haben, auch die Inhalte. Und diese stehen im Dienste gesellschaftlicher, kultureller und politischer Ideen.
So ist es nicht verwunderlich, daß Umbrüche und ein Wechsel der politischen Grundlagen oft auch zu einem Auswechseln von Straßennamen und Denkmälern führen. Ein aktuelles Beispiel erleben wir derzeit im Osten Deutschlands. Daß es dabei um mehr geht als das bloße Austauschen von ein paar Blechschildern, zeigen die öffentlichen Auseinandersetzungen und politischen Kämpfe, von denen diese Änderungen häufig begleitet werden.
Die Geschichte von Straßenbenennungen nach kommunistischen Persönlichkeiten ist ein Spiegelbild von Höhen und Tiefen fortschrittlicher Bewegungen in diesem Lande, ihrer Fähigkeit, Einfluß auf das öffentliche Bewußtsein zu nehmen.
Mit dem Entstehen der Arbeiterbewegung entwickelten sich neue politische Theorien, gesellschaftspolitische Ziele, andere historische Bewertungen und Vorbilder. Diese fanden in dem Wunsch nach entsprechenden Denkmälern ihren Ausdruck, welche allerdings vor dem Ersten Weltkrieg angesichts der herrschenden militaristischen und chauvinistischen Ideologie, von Sozialistengesetz, Kaiserrummel und Kriegsverherrlichung, keine Chance auf Verwirklichung hatten.
Erst zu Anfang der Weimarer Republik mit dem Versuch revolutionärer Umwälzungen, großer Reformbewegungen und Arbeiterparteien mit erheblichem Masseneinfluß gab es erste Erfolge in dieser Hinsicht. Dies bezeugen zahlreiche Kapp-Putsch-Denkmäler und erste Straßennamen nach bekannten Vertretern der Arbeiterbewegung, vor allem von Marx und Engels, den Begründern des wissenschaftlichen Sozialismus. Allerdings machte 1933 der Hitler-Faschismus diese Ansätze wieder zunichte.
Nach der Befreiung von Krieg und Faschismus erfolgten, zum Teil auch auf Druck der Besatzungsmächte, die größten Veränderungen. Auch hier spielten die Arbeiterparteien und ein starker antifaschistischer Konsens in der Öffentlichkeit eine wichtige Rolle.
Stillstand gab es nie. Die Außerparlamentarische Opposition und die Friedensbewegung der 80er Jahre beeinflußten die Inhalte von Straßennamen und Denkmälern. Beide Bewegungen bewirkten eine konkretere Auseinandersetzung mit Faschismus und Krieg sowie eine angemessenere Würdigung des Widerstands aus den Reihen der Arbeiterbewegung.
Auch die Deutsche Kommunistische Partei, die seit 1968 in der Bundesrepublik legal arbeitet, unterstützte diese Bestrebungen und versucht durch eigene Initiativen, Akzente zur Bewahrung der Erinnerung an herausragende kommunistische Persönlichkeiten zu setzen.
Wenn sich die Autoren auf die nach Kommunisten benannten Straßen konzentrieren, so liegt dem keine Geringschätzung von Sozialdemokraten, christlichen und bürgerlich-demokratischen Persönlichkeiten zugrunde. Vielmehr soll ein Beitrag geleistet werden, die kommunistischen Akzente in der Geschichte unserer Region darzustellen, diese dem Vergessen zu entreißen.
Karl Marx, Friedrich Engels, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht haben bis heute einen hohen Stellenwert in der Arbeiterbewegung und finden sich deshalb auf Straßenschildern im Rhein-Ruhr-Gebiet wieder.
Die Erforschung der Lebensläufe jener Kommunisten, deren Namen sich heute auf Straßenschildern wiederfinden, macht deutlich, daß Kommunisten vor allem in den 20er Jahren und unmittelbar nach der Zerschlagung des Faschismus eine bedeutende Rolle in den Kommunen und in den Gewerkschaften gespielt haben. Häufig waren sie Abgeordnete der KPD in Stadträten, aktive Betriebsräte und Gewerkschaftsfunktionäre. In vielen Rathäusern, vor allem des Ruhrgebiets, war die KPD vor 1933 die meistgewählte Partei, stellte sie die stärkste Fraktion in den Kommunalparlamenten.
Und die Beschäftigung mit diesen Lebensläufen macht deutlich, welchen bedeutenden Beitrag Kommunisten im antifaschistischen Widerstand leisteten. Sie stehen stellvertretend für viele andere Kommunisten, die aktiv Widerstand leisteten und dafür oft mit dem Leben bezahlen mußten.
Mehr noch als abstrakte Zahlen über Tausende von Kommunisten, die von den Nazis verfolgt und ermordet wurden, machen die konkreten Einzelschicksale deutlich, mit welcher Brutalität die Gestapo gegen Kommunisten vorging, mit welchen Torturen ihre Opfer zu Tode gequält wurden.
Die Lebensläufe zeigen beeindruckende, außergewöhnliche, oft kantige und trotzdem sympathische Persönlichkeiten. Die Funktion, mit Straßennamen und Denkmälern auch Vorbilder an die folgende Generation zu vermitteln, erfüllen die dargestellten Lebensläufe allesamt. Diesem Ziel dienen will auch das vorliegende Buch.
Dank ist vielen zu sagen. Ohne die Hilfe und Unterstützung der Stadtverwaltungen wäre dieses Buch nicht möglich geworden. Ämter und Archive gaben bereitwillig Auskunft, die Stadtbücherei Bochum besorgte über ihren auswärtigen Leihverkehr schwer zugängliche Literatur, Einzelpersonen und weitere Archive gaben wichtige Auskünfte. Allen sei gedankt für die Unterstützung.
Nur wenn es den Autoren besonders wichtig erschien, z.B. bei der Verwendung von neuen oder bisher nicht so bekannten Quellen, wurden diese in den Texten vermerkt. Ansonsten sind jeweils am Textende die benutzten Quellen verzeichnet. Für Rückfragen stehen die Autoren gerne zur Verfügung. Insbesondere kann die umfangreiche Korrespondenz und Artikelsammlung bei Interesse eingesehen werden.
Bei der Erstellung der Lebensläufe sind die Verbindungen zur Region Rhein-Ruhr besonders berücksichtigt und gewichtet. Z.T. konnten neue Erkenntnisse gewonnen werden, z.B. bei Karl Liebknecht und seiner Zeit in Westfalen.
Trotz großer Sorgfalt und Bemühungen blieben einige Lebensläufe nur lückenhaft, was die Autoren bedauern.
Es versteht sich, daß dieses Buch keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Im Gegenteil hoffen die Autoren darauf, viele Hinweise zu bekommen, um in absehbarer Zeit einen zweiten Band erstellen zu können.