ISBN 16 – Kapp-Putsch und Märzrevolution 1920 – Band II – Vorwort

„Der Generalstreik zur Niederwerfung des Kapp-Putsches ... war der einzige politische Massenstreik, der von der deutschen Arbeiterklasse einheitlich durchgeführt wurde. Es war die gewaltigste politische Massenstreikbewegung, die überhaupt jemals zustande kam.”(1)

„Das Leben nahmt ihr uns – Aber nicht den Geist. Gedenken an die Freiheitskämpfer 1920 – Sei Rebell auf zur Tat”, lautet die Inschrift des Denkmals für die im Kampf gegen den Kapp-Putsch gefallenen Arbeiter in Bochum-Werne. Das Denkmal und die erinnernde, aber auch in die Zukunft gerichtete, Inschrift haben mich bewegt, seit ich 1970 das erste Mal vor diesem Denkmal stand. Das vorliegende Buch führt zurück in die damalige Zeit. Es erschließt neues Material aus der lokalen und regionalen Geschichtsschreibung und unternimmt den Versuch, neben der Darstellung der Ereignisse auch deren Folgen in vielen Städten und Gemeinden im heutigen Nordrhein-Westfalen aufzuzeigen. Im Mittelpunkt steht dabei die Arbeiterbewegung, ihr Gedenken an die Opfer und die Solidarität. Die immer noch vorhandene Dichte der Gräber, Denkmäler und andere Erinnerungszeichen in NRW ist von hoher geschichtlicher und kulturhistorischer Bedeutung. Sie vor dem Verfall zu retten und zu erhalten, ist eine wichtige Aufgabe, zu der auch dieses Buch beitragen will.

Von den Gewerkschaften zum Generalstreik, den Arbeiterparteien und den aus Berlin geflohenen SPD-Ministern zum Widerstand und „Kampf mit jedem Mittel” aufgerufen, kämpften vom 13. März bis Anfang April 1920 Millionen Menschen in vielen Teilen Deutschlands, besonders aber im Rheinisch-Westfälischen Industriegebiet, für die Republik gegen die Militärdiktatur. Ernst nahmen sie auch die Aufforderung „Proletarier vereinigt Euch! Nieder mit der Gegenrevolution”.(2) Der Generalstreik wurde im Industriegebiet an Rhein, Wupper, Ruhr und Lippe besonders konsequent durchgeführt, die militärische Gewalt durch bewaffnete Arbeiterwehren abgewehrt und das gesamte Industriegebiet vom Militär befreit. Aus einem Abwehrkampf wurde die Märzrevolution.

Der Kapp-Lüttwitz-Putsch zerbrach am Generalstreik. Die nach Stuttgart geflohene Regierung kehrte nach Berlin zurück und verlangte als erstes die Abgabe der Waffen und die Auflösung der Arbeiterräte. Räte und Gewerkschaften verlangten jetzt aber mehr. Sie wollten soziale und demokratische Rechte, die Umwandlung der monarchistisch-militaristischen Reichswehr in ein friedliches Volksheer. Sie kämpften für ein menschenwürdiges Leben des Proletariats, viele auch für den Sozialismus. Als Antwort der Regierung erfolgte der Marschbefehl der Reichswehr ins Industriegebiet. Die gleichen Truppen, die geputscht hatten oder sich dem Schutz der Republik verweigert hatten, stellten jetzt „Ruhe und Ordnung” her. Der Einmarsch der aus allen Teilen des deutschen Reiches zusammengerufenen Reichswehr in das Industriegebiet wird stets ein „Schandmal der deutschen Republik bleiben”.(3) Die Schmach der Niederlage im I. Weltkrieg und die Wut über den Versailler Friedensvertrag gepaart mit Rachegelüsten ließen die Reichswehr Verbrechen begehen, die bis heute erschüttern und kaum fassbar sind. Der größte Arbeiteraufstand Deutschlands wurde im Blut ertränkt. Mehr als 1.500 Menschen kamen bei den Kämpfen und dem anschließenden Terror der Reichswehr allein an Rhein und Ruhr ums Leben.

Schon 1920 setzte die ideologische Interpretation ein, um die politische und historische Deutungshoheit über diesen Geschichtsabschnitt zu erhalten. Bereits am 3. April hatte hierzu die Reichszentrale für den Heimatdienst zu einer Pressekonferenz in Münster eingeladen. Hier stellte Carl Severing seine und die Sicht der Reichsregierung dar. Vor allem aber verteidigte er in dieser Pressekonferenz das Vorgehen und die Verbrechen der Reichswehr. Severings Rede wurde schon wenig später als Broschüre der Reichszentrale herausgegeben und überall an Behörden, Verwaltungen und Bildungseinrichtungen zugestellt. Sie hatte das Ziel, quasi eine amtliche Sprachregelung über die Ereignisse zu gewährleisten.(4)

Trotzdem oder gerade deswegen folgte eine umfangreiche, politisch vielfältige publizistische Tätigkeit. Bücher, Broschüren, Theaterstücke, Romane, wissenschaftliche Aufsätze, viele fühlten sich berufen, über die Ereignisse zu schreiben und politische Bewertungen vorzunehmen. Aus der Vielzahl dieser Arbeiten will ich die Arbeiten von Gerhard Colm zur Geschichte und Soziologie des Ruhraufstandes, Julius Gumbel zu politischen Morden und die Artikelserie von Adolf Meinberg zum Aufstand an der Ruhr hervorheben.(5)

Völlig einseitig vom Standpunkt der Reichswehr geschrieben und auf deren Unterlagen sich stützend beruht die Arbeit von Hans Spethmann im Rahmen seiner Geschichte des Ruhrbergbaus.(6) Den 10. Jahrestag der „Kapp-Tage” nahmen der Berliner Verlag Reimar Hobbing(7), der rechten Regierungskreisen wie Schwerindustriellen gleichsam nahe stand, zum Anlass, um Spethmanns reaktionäre Darstellungen zu den Ereignissen von 1920 in einem Buch zusammenzufassen. In ungewöhnlich hoher Auflage produziert wurden allen Schulen im Industriegebiet kostenlose Exemplare für „ihre Bibliothek” zugeschickt und mit hohen Rabatten zum Kauf von weiteren Exemplaren geworben.(8) Die Bochumer SPD-Zeitung Volksblatt schrieb über die zum Tag des Jugendbuches herausgebrachte „Geschichtsklitterung”: „Kritiklos wiederholt Spethmann alle möglichen Greuelmärchen, die aus den Arbeitern Bestien machen sollen, und verallgemeinert skrupellos bedauerliche Einzelerscheinungen”.(9)

Diese Darstellung schadete der Republik, die immer mehr auf dem rechten Auge blind wurde, gleichzeitig immer schärfer gegen links vorging, die sozial berechtigte Forderungen ignorierte und die revolutionäre Arbeiterbewegung unterdrückte. Dies trug wesentlich zum Niedergang der Weimarer Republik bei, an deren Ende schließlich der Hitler-Faschismus stand. Spethmanns Darstellungen fanden in den Memoiren von Militaristen, Selbstdarstellungen und Schriften in der Zeit des Faschismus bis 1945 eine vielfältige Ergänzung. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, prägte diese Literatur bis in die 1970er Jahre die Darstellung des Kapp-Lüttwitz-Putsches und des Arbeiteraufstandes. Ja, teilweise reicht sie bis in die heutige Zeit.
Die umfangreichen Forschungsarbeiten von George Eliasberg(10), Erhard Lucas(11) sowie eine reichhaltige Historiographie in der DDR(12) rückten zum Ende der 1960er Jahre die Ereignisse von 1920 wieder in den Fokus einer interessierten Öffentlichkeit. Auch die Außerparlamentarische Opposition (APO) nahm sich des Themas an und brachte die Verbrechen der Reichswehr an die Öffentlichkeit der Bundesrepublik.(13)

Ungeachtet dessen blieben die Ereignisse des Jahres 1920 in Erinnerung vieler Menschen. Die Toten ehrte man mit Denkmälern, mit den Hinterbliebenen wurde Solidarität geübt. Romane und Theaterstücke verarbeiteten die Geschehnisse und jährlich fanden „Märzfeiern” der Arbeiterbewegung statt. Unterbrochen von der Zeit der faschistischen Herrschaft von 1933 bis 1945 gibt es bis heute Zeichen der Erinnerung an die damaligen Ereignisse. Dennoch: Auch über 90 Jahre nach diesen Kämpfen und Ereignissen fehlt eine Ehrung und Würdigung dieser Kämpfer für Demokratie, Republik, sozialen Fortschritt und Sozialismus. Dies zu erreichen, sollte Aufgabe derjenigen sein, die die Erinnerung an die Märzkämpfer wach halten wollen. Die Erkenntnis, wie damals ein Generalstreik die Diktatur verhindert hat, ist aktuell bis in die heutige Zeit. Denn das Leben wurde den Märzkämpfern genommen aber nicht der Geist.

Möge das Buch dazu beitragen, Geschichte vor Ort neu zu entdecken und zu bewerten. Gewürdigt werden soll der Einsatz der vielen Menschen, vor allem aus der Arbeiterbewegung, für ihren Einsatz zur Verteidigung der Republik und für sozialen Fortschritt. Ihr Beispiel ist für unsere heutige Generation Auftrag und Verpflichtung zugleich für Frieden, demokratischen und sozialen Fortschritt einzutreten.

Gerne hätten wir uns gewünscht, das Buch in einer gebundenen Form und einem größeren Format herausbringen zu können. Aber vielfältige Versuche, entsprechende finanzielle Zuschüsse zu dem Projekt zu bekommen, scheiterten allesamt. Groß war allerdings die Bereitschaft zur Unterstützung der jahrelangen Recherche. Deshalb gilt mein Dank auch allen, die mit Hinweisen, Informationen, Fotos und Beschreibungen zu diesem Buch beigetragen haben. Dies alles, als auch die Ergebnisse der Recherche, werden im RuhrEcho Archiv sorgsam aufgehoben.

Günter Gleising

 

(1) Merker, Paul: Sozialdemokratie und Gewerkschaften, Berlin 1949, S. 262
(2) Der Aufruf ist veröffentlicht in: Krüger, Franz: Diktatur oder Volksherrschaft, Berlin 1920, S. 6
(3) Urteil des Sozialdemokraten Josef Ernst, der 1920 führend an den Aktionen im Ruhrgebiet beteiligt war. Ernst, Josef: Kapptage im Ruhrgebiet, Hagen 1921, S. 62
(4) Reichszentrale für den Heimatdienst (Hg.): Wie es kam!, Eine Rede des Reichs- und Staatskommissars Severing über die Unruhen im Ruhrgebiet: Dortmund 1920. Heimatdienst, Wie es kam, S. 11
(5) Colm, Gerhard: Beitrag zur Geschichte und Soziologie des Ruhraufstandes vom März-April 1920, Essen 1921. Gumbel, Emil Julius: Vier Jahre politischer Mord, Berlin-Fichtenau 1924. Meinberg, Adolf: Artikelserie im Ruhr-Echo veröffentlicht in: Haasis, Helmut G./Lucas, Erhard (Hg.): Aufstand an der Ruhr. Reden und Aufsätze, Frankfurt/Main 1972
(6) Spethmann, Hans: Zwölf Jahre Ruhrbergbau, Bd. II: Aufstand und Ausstand vor und nach dem Kapp-Putsch bis zur Ruhrbesetzung, Berlin 1928
(7) 1903 gegründet, 1919 Übernahme durch den Ruhrindustriellen Hugo Stinnes, 1925 geführt von einem Konsortium, 1955 in den Sutter-Verlag übergegangen.
(8) Volksblatt Bochum 22.3.1930
(9) Volksblatt, Bochum, 22.3.1930
(10) Eliasberg, George J.: Ruhrkrieg 1920, Bonn-Bad-Godesberg 1974
(11) Lucas, Erhard: Märzrevolution 1920, Band I - III, Frankfurt am Mai 1970-1978
(12) Stellvertretend sei genannt: Könnemann, Erwin/Krusch, Hans-Joachim: Aktionseinheit contra Kapp-Putsch, Berlin 1972
(13) Frankfurter Rundschau 16.4.1970