ISBN 17 – Kapp-Putsch und Märzrevolution 1920 – Band III – Vorwort

„Das Leben nahmt ihr uns – Aber nicht den Geist”
Inschrift auf dem Denkmal in Bochum Werne: „Das Leben nahmt ihr uns. Aber nicht den Geist. Andenken an die Freiheitskämpfer 1920. Sei Rebell. Auf zur Tat.”

Vorwort und Einführung

Die vorliegende Aufstellung umfasst 791 Menschen, die während der Abwehr des reaktionären Kapp-Lüttwitz-Putsches und der darauf folgenden Märzrevolution in der Zeit vom 13. März bis Mitte April 1920 im Gebiet des Rheinisch-Westfälischen Industriegebietes den Tod fanden. Von den Gewerkschaften zum Generalstreik und der SPD und ihren aus Berlin geflohenen Ministern zum Widerstand und „Kampf mit jedem Mittel” aufgerufen, kämpften sie für die Demokratie und die Republik. Ernst nahmen sie auch die Aufforderung der Sozialdemokraten: „Proletarier vereinigt Euch! Nieder mit der Gegenrevolution”.(1) Der Generalstreik wurde im Industriegebiet an Rhein, Wupper, Ruhr und Lippe besonders konsequent durchgeführt.

Als sich schon am 13. März, wenige Stunden nach dem Putsch zeigte, dass im Westen Deutschlands die Reichswehr und ihre Freikorps entweder für Kapp Stellung bezogen oder „Ruhe und Ordnung” herstellen wollten, bewaffneten sich die Arbeiter. Umfangreiche Reichswehr-Truppentransporte ins Ruhrgebiet sowie nach Remscheid verschärften die Lage dramatisch.(2) Aus dem Generalstreik erwuchs der bewaffnete Kampf und die Bildung der Roten Armee. In Annen, Wetter, Herdecke und Dortmund besiegte die Rote Armee mehrere Kampfverbände des berüchtigten Freikorps Lichtschlag. Diese Kämpfe gingen einher mit der faktischen Machtübernahme der Aufständischen in Bochum, Witten, Hagen und Dortmund. Überall entstanden Arbeiterräte und Vollzugsausschüsse, wurden Versammlungen und Kundgebungen durchgeführt. Remscheid, Essen, Oberhausen, Mühlheim, Duisburg, Bottrop, Dinslaken wurden danach zum Teil nach schweren Kämpfen übernommen. Als sich schließlich die restliche Reichswehr und die staatliche Sicherheitspolizei nach Wesel, Münster und Paderborn zurückzogen, war das Rhein-Ruhrgebiet in der Hand der Arbeiter.

Der Kapp-Lüttwitz-Putsch in Berlin zerbrach am Generalstreik, der in Größe und Qualität einmalig in Deutschland blieb. Die Regierung kehrte nach Berlin zurück und verlangte als erstes die Abgabe der Waffen und die Auflösung der Arbeiterräte. Aber die Arbeiterräte und Gewerkschaften verlangten mehr Rechte und Einfluß, sowie die Umwandlung der monarchistisch/militaristisch geprägten Reichswehr in ein Volksheer. Daraufhin gab die Regierung den Marschbefehl ins Ruhrgebiet. Die gleichen Truppen, die geputscht hatten oder sich dem Schutz der Republik verweigert hatten, stellten jetzt „Ruhe und Ordnung” her.

Reichswehrsoldaten oben und niedergemetzelte Kämpfer der Roten Armee unten bei Dinslaken

Der Einmarsch der aus allen Teilen des deutschen Reiches zusammengerufenen Reichswehr in das Industriegebiet wird stets ein „Schandmal der deutschen Republik bleiben”.(3) Er ist eines der größten Verbrechen der jüngeren deutschen Geschichte. Die Schmach der Niederlage im I. Weltkrieg und die Wut über den Versailler Friedensvertrag gepaart mit den Rachegelüsten ließen die Reichswehr Verbrechen begehen, die bis heute erschüttern und kaum fassbar sind.(4)

1920 erfolgte der Umgang mit den Toten sehr unterschiedlich. Diejenigen, die in den ersten Kämpfen gegen den Kapp-Putsch, also in Wetter, Herdecke, Dortmund, Velbert, Barmen, Elberfeld, Essen und Remscheid fielen, wurden mit allen Ehren bestattet. Riesige Trauerzüge und Ehrengräber der Gemeinden wurden ihnen zu Teil.

Auch die Toten der Zwischenzeit, der Kämpfe im westlichen Ruhrgebiet, vor Wesel und im südlichen Münsterland bekamen ein ehrenvolles Grab, meist in ihren Heimatgemeinden.

Die toten Angehörigen der Roten Armee, die bei den Kämpfen an der Lippe gefallen sind, mussten beim Rückzug zurückgelassen werden. Sie wurden meist ebenso behandelt wie die von der Reichswehr willkürlich erschossenen, erschlagenen, zu Tode gemarterten Männer und Frauen. Ohne Beachtung und Würde wurden diese Toten in Massengräbern verscharrt. Vielfach wurden noch nicht einmal ihre Namen festgehalten. Viele Angehörige suchten wenig später nach den Toten, um wenigstens einen Totenschein zu bekommen. Die Klarheit über das Schicksal der Rotarmisten aber auch materielle Fragen (z. B. Rente) hingen oftmals an diesem Formular, das von den Behörden aber meist nicht ausgestellt wurde. Ebenso wurden Bitten um Ausgrabungen und Überführungen der Leichen in die Heimatgemeinde abgelehnt. Ausgrabungen erfolgten erst, als Bauern an der Lippe ihr durch Massengräber belegtes Land wieder nutzen wollten. Zahlreiche Gräber an der Lippe im Bereich vor Wesel wurden deshalb geöffnet und deren Leichen in Dinslaken 1931 zur letzten Ruhe beigesetzt.

Gedenkstein in Raesfeld

Ungeachtet der Differenzierungen wurde in der Arbeiterbewegung Solidarität mit den Hinterbliebenen geübt. Beratungsgespräche, Geldsammlungen und juristische Hilfe wurden von Gewerkschaften, der Roten Hilfe und weiteren Arbeiterorganisationen angeboten. Würdige Gräber und Denkmäler wurden geschaffen, um die Erinnerung an die Kämpfer gegen den Kapp-Putsch und für die Märzrevolution wach zu halten. In die jährlichen Märzfeiern für die Opfer der Revolution von 1848/49 und der Pariser Kommune wurden nun die Toten von 1920 eingeschlossen. Von 1921 bis 1933 war das Gedenken an die Märzgefallenen ein fester Bestandteil in der Kultur der Arbeiterbewegung. Nach dem Faschismus wurde diese Tradition 1946 in zahlreichen Städten wieder aufgenommen. Nach dem Verbot der KPD 1956 schlief das Gedenken (fast) ein. An einigen Orten, in Bochum-Werne, Dinslaken, Pelkum, Remscheid, Wuppertal blieb diese Kontinuität allerdings bis in die heutige Zeit erhalten.

Die reichhaltige Historiographie in der DDR (5) , sowie die umfangreiche Forschungsarbeit von Erhard Lucas (6), in den Jahren 1970 bis 1978 veröffentlicht, rückte die Ereignisse von 1920 wieder in den Fokus einer interessierten Öffentlichkeit. Auch die Außerparlamentarische Opposition (APO) nahm sich des Themas an und brachte die Verbrechen der Marinebrigade Loewenfeld 1970 mit Demonstrationen in Bottrop in die Öffentlichkeit der Bundesrepublik.

In den 1920er Jahren schufen Künstler, Steinmetze und Friedhofsarbeiter eine Vielzahl von Gräbern, Grabanlagen und Denkmälern. Mit neuen Ausdrucksformen beeinflussten sie auch die Gedenkkultur. In der Zeit des Hitler-Faschismus wurden viele Denkmäler geschändet und ihrer politischen Aussage beraubt. Nach 1945 wurden einige zerstörte Gedenksteine wieder neu geschaffen. Seit den 1950er Jahren wurden Gräber der Märzgefallenen eingeebnet, Denkmäler verfielen. In der Zeit seit 1970 erfolgte meist aus politischem Interesse und Gründen des Denkmalschutzes eine Besinnung. Ein Teil dieser Gräber und Denkmäler ist bis heute erhalten geblieben und wurden neu geschaffen.

Diese Schrift hat sich die Aufgabe gestellt, die Märzgefallenen des Jahres 1920 im Bergischen Land, im Ruhrgebiet und Märkischen Land aufzulisten. Sie ist der dritte Teil der Darstellungen zu „Kapp-Putsch und Märzrevolution 1920” und wird erst verstehbar durch die „Ereignisse und Schauplätze” (Teil I) und die Darstellung der „Denkmäler und Gräber an Rhein und Ruhr” (Teil II).

Auch 90 Jahre nach diesen Kämpfen und Ereignissen fehlt eine Ehrung und Würdigung dieser Kämpfer für Demokratie, Republik, sozialen Fortschritt und Sozialismus. Dies zu erreichen sollte Aufgabe derjenigen sein, die die Erinnerung an die Märzkämpfer wach halten wollen. Die Erkenntnis, wie damals ein Generalstreik die Diktatur verhindert hat, ist aktuell bis in die heutige Zeit. Denn das Leben wurde den Märzkämpfern genommen aber nicht der Geist.

Günter Gleising

Gedenkveranstaltung der Stadt Wuppertal an den Gräbern der Märzgefallenen in Barmen im Jahr 2000

 

(1) Der Aufruf ist veröffentlicht in: Krüger, Franz: Diktatur oder Volksherrschaft, Berlin 1920, S. 6.
(2) Kabisch, Ernst: Die Kämpfe am Niederrhein und an der Ruhr im Anschluss an den Kapp-Putsch, Berlin 1934, S. 526. Schulz, Major a. D.: Ein Freikorps im Industriegebiet, Mülheim1922, S. 24. Glettenberg , L.: Der Kampf gegen die Rote Armee 1920, Duisburg 1938, S. 5. Ernst, Josef: Kapptage im Industriegebiet, Hagen 1921, S. 12; Ruhr Echo 17.3.1928.
(3) Urteil des Sozialdemokraten Josef Ernst, der 1920 führend an den Aktionen im Ruhrgebiet beteiligt war. Ernst, Josef: Kapptage, S. 62.
(4) Gumbel, Emil Julius: Zwei Jahre Mord, Berlin 1921. Lucas, Erhard: Märzrevolution, Band II und III, Frankfurt am Main 1973, 1978.
(5) Stellvertretend für viele andere seien genannt: Könnemann, Erwin/Krusch, Hans-Joachim: Aktionseinheit contra Kapp-Putsch, Berlin 1972. Dies.: März 1920 Arbeiterklasse vereitelt Kapp-Putsch, Berlin 1981.
(6) Lucas, Erhard: Märzrevolution 1920, Band I - III, Frankfurt am Mai 1970-78