ISBN-22 – Vorwort

Die Ausgangsfragestellungen bei der Recherche zu dem Buch waren für mich: Wie war es möglich, dass Hitler und seine Nazipartei innerhalb weniger Jahre von einer politischen Splittergruppe zu einer politisch einflussreichen Kraft werden konnten? Wie war es möglich, dass Hitler schließlich Anfang 1933 die Reichskanzlerschaft angetragen werden konnte? Wie war es möglich, dass das faschistische Regime an der Macht innerhalb von 6 Jahren in der Lage war, einen Krieg zu führen und halb Europa zu unterjochen? Und – Wie war es möglich, dass die größten Teile des deutschen Volkes Hitler auch dann noch folgten, als die Niederlage deutlich zu erkennen war?

Hitlers Aufstieg und der seiner Partei wäre ohne die Unterstützung der Wirtschaft nicht möglich gewesen, das wurde schnell klar. Besonders an Rhein und Ruhr fand er schnell große Hilfe und finanzielle Gönner. Dabei kam zusammen, dass sich das Interesse der Wirtschaft an der Beseitigung der Hemmnisse an der Profitmaximierung mit Hitlers politischem und ökonomischem Programm traf.

In der Autarkie- und Rüstungspolitik des Naziregimes sahen viele Industrielle frühzeitig beste Entfaltungs- und Profitmöglichkeiten. Das Buch belegt auch anhand zahlreicher Fotos und Zeitdokumente, wie es Hitler seit 1925 gelang, seine Bewegung im Ruhrgebiet zu verankern, Gelder bei Industriellen einzusammeln und seine Macht in der NSDAP auszubauen und einen regelrechten Kult um seine Person zu entwickeln. Im Düsseldorfer Industrieclub waren am 26. Januar 1932 über 600 hohe Wirtschaftsvertreter und Industrielle der Schwerindustrie von Hitlers Ausführungen derart begeistert, dass der Ruf „Hitler an die Macht” immer größer wurde. In letzten Gesprächen mit maßgeblichen Vertretern der Wirtschaft in Köln und Dortmund wurden schließlich die Weichen dafür gestellt, dass Reichspräsident von Hindenburg die Macht in Hitlers Hände legte. Hitler und seinen Naziorganisationen gelang es innerhalb weniger Wochen die Arbeiterbewegung zu zerschlagen, die verbliebenen bürgerlichen Oppositionellen beiseite zu schieben und das Land mit Gewalt und Terror zu überziehen. Mit Wissen, Billigung und Unterstützung der Wirtschaft wurde die Demokratie abgeschafft, die Republik zerschlagen.

Das Buch bietet viele Einblicke in die Struktur und die Mechanismen, die diese Entwicklung schufen. Begünstigt von der gewaltigen Konzentrationswelle der Schwerindustrie im Ruhrgebiet, dem enormen Einfluss von Industriellen wie Krupp, Thyssen, Borbet, Vögler, Flick und Springorum, den katastrophalen Auswirkungen der Abwälzung der Krisenlasten auf die arbeitende und arbeitslose Bevölkerung, konnte schnell Hitlers Programm der Aufrüstungs- und Kriegspolitik umgesetzt werden. Krupp wurde wieder Rüstungsschmiede, der Bochumer Verein zusammen mit der übernommenen HANOMAG zum technologisch führenden Entwicklungskonzern für Rüstung ausgebaut. Die Konzerne an Rhein und Ruhr machten sich zum Instrument der totalen Kriegsführung, der Ausbeutung der eigenen Bevölkerung ebenso wie der Ausbeutung der unterworfenen Länder und ihrer Menschen. Die Unterdrückung der jüdischen Bürgerinnen und Bürger ab 1933 fand ihre Fortsetzung in der Einverleibung des jüdischen Besitzes in deutsche Betriebe und Konzerne und wenig später im Holocaust. Die Zwangsarbeit im Ruhrgebiet wurde zur Massenerscheinung und gipfelte in der Errichtung von vielen hundert Zwangsarbeiterlagern und dem Bau von KZ-Außenlagern.

Am Ende des Buches wird angerissen, wie die wirtschaftlich Mächtigen versuchten, sich eine reine Weste zu verschaffen oder der Entnazifizierung zu entgehen. Andere mussten zwar in Haftanstalten, wurden aber schnell wieder entlassen. Große Teile des technolo­gischen und innovativen Potentials der Ruhrwirtschaft und vor allem der Rüstungsindustrie wurde schon bald vor allem von der US-amerikanischen Besatzungsmacht in die USA transferiert. Dabei ging es um die Innovationen der Stahlindustrie und Kohlewirtschaft ebenso wie Technologien der Kriegstechnik und den Raketenbau. Am letztgenannten war z. B. auch der Bochumer Verein mit der Luft-Luft-Rakete „Ruhrstahl X 4" beteiligt.

In dem Buch wird eine Vielzahl von Quellen erschlossen, sodass aus vielen Mosaiksteinchen ein Gesamtbild zusammengefügt werden konnte. Sichtbar werden Industrielle, Bankiers und Funktionäre von Wirtschaftsverbänden, oft als Elite bezeichnet, die machtbesessen oder unterwürfig im Faschismus ihren Reichtum vermehrten und ihre (arischen) Konzerne, Firmen oder Bankhäuser enorm vergrößerten.

Während der Recherche ist sichtbar geworden wie bei Personen Spuren verwischt wurden und Ereignisse geschönt wurden. Das Hinterfragen von Sekundärquellen war daher ebenso unverzichtbar wie das Studium von historischen Quellen.

Zuletzt ist Dank zu sagen den Vielen die am zustande kommen dieses Buches beigetragen haben, die mich bestärkt haben, die Hinweise gaben und mit mir, oft auch über Einzelfragen, diskutierten. Hier sind die Mitglieder der VVN - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten besonders hervor zu heben. Das Buch reiht sich insofern in die Aktion „Rallye Spurensuche Verbrechen der Wirtschaft an Rhein und Ruhr 1933-1945” ein. Danke auch an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Archive, besonders dem Stadtarchiv Bochum. Dank auch an die Stadtbücherei Bochum, die über den auswärtigen Leihverkehr zahlreiche, oft seltene Bücher und Aufsätze ausfindig machten und zur Verfügung stellten. Ein besonderer Dank gilt Anke Pfromm, ohne deren Mitarbeit und technische Umsetzung an ein Erscheinen dieses Buch nicht zu denken gewesen wäre. Nicht vergessen werden dürfen in dieser Aufzählung die Lektor*innen und diejenigen, die das Projekt auf anderen Wegen gefördert haben.

Günter Gleising
im Mai 2017