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11. März 1933: Machtergreifung der Nazis in Bochum

Hitler in Bochum (1935)

Nach der Machtübertragung an Hitler standen die Städte und Gemeinden im Fokus der Nazis. Im Februar 1933 hatten die Nazis die Städte mit einem Netz von Wachlokalen in Schulen, Gaststätten und stillgelegten Fabrik- und Zechenhallen überzogen. Hier wurden Kommunisten, SPD-Mitglieder und Gewerkschafter regelrecht zusammengetrieben, verprügelt, manche bis zum Tod gefoltert. Zu den Wahlen (Reichstag, Preußen und Städte und Gemeinden in Preußen) war der Wahlkampf von SPD und Zentrum stark eingeschränkt, für die KPD unmöglich. Viele Linke waren ins Saarland oder Ausland ins geflüchtet.

Nachdem die Nazis bei den Wahlen zum Reichstag am 5. März noch immer keine absolute Mehrheit erhalten hatten, das Zentrum und die SPD aber überraschend ihre Stimmen halten konnten, die KPD, die sich schon in der Illegalität befand, immer noch über 4,8 Mio. Stimmen erreichte, steigerten die Nazis in den Tagen bis zur Kommunalwahl am 12. März ihre Machtdemonstrationen und Terrormaßnamen. Im Rhein-/Ruhrgebiet wurden die Rathäuser besetzt und Hakenkreuzfahnen aufgezogen.

Wie dies von statten ging zeigt exemplarisch der Tag vor der Kommunalwahl, der 11. März in Bochum. Am Samstagmorgen zogen zunächst SA, SS, Stahlhelm und Polizeiformationen durch die Stadt und wurden „zu erhöhter Alarmbereitschaft“ am Wahlsonntag verpflichtet. Eine große Anzahl von Nazis und Bochumer Bürgern zog zum besetzten Rathaus, wo Bochums Oberbürgermeister Dr. Otto Ruer von Nazifunktionären und Begleitmannschaften gezwungen wurde ein „Urlaubsgesuch“ zu unterschreiben. Vom Balkon des Rathauses erklärte SA-Standartenführer Voß unter Beifall, das „man sich keinen Tag länger Dr. Ruer als Oberbürgermeister gefallen lassen könne“. Am  dem Dach des Rathauses wurde die Hakenkreuzfahne angebracht. Danach wurde das Verwaltungsgebäude des Bergarbeiterverbandes besetzt, die Buchhandlung des „Volksblattes“ (SPD) gestürmt und „alle Schriften marxistischen Inhalts“ auf dem Neumarkt verbrannt. Zahlreiche Bochumer Gewerkschafter, Sozialdemokraten und Kommunisten wurden festgenommen, gedemütigt, durch die Stadt getrieben, misshandelt und im Gebäude der SPD-Druckerei auf der Hermannshöhe oder in Wachlokalen der SA Verhören oder Folterungen ausgesetzt. Am Samstagmittag richtete sich die Aggression gegen die Kaufhäuser jüdischer Eigentümer. Die Häuser Alsberg, Ehape und Woolworth mussten schließen, Direktoren wurden festgenommen. Am Abend bezogen die SA und SS ihre Posten in den Wachlokalen, um am Wahltag vor den Wahlorten Position zu beziehen. Dies alles geschah am 11. März, einen Tag vor der Kommunalwahl, ohne dass Proteste aus der Wirtschaft, den Kirchen und anderen Einrichtungen bekannt wurden.

Das Ergebnis der Kommunalwahlen  war für die Nazis im Ruhrgebiet schlechter als bei der Reichstagswahl. Das Ergebnis in Bochum: NSDAP 29 Sitze im Rat, Zentrum 16 Sitze, SPD 11 Sitze, KPD 8 Sitze, Kampffront Schwarz-Weiß-Rot (DNVP) 4 Sitze, Ev. Volksdienst 1 Sitz. Zentrum/SPD/KPD zusammen 84.861 Stimmen, NSDAP/DNVP 78.223 Stimmen.

Das Ergebnis akzeptierten die Nazis aber nicht. Sie annullierten die Sitze der KPD und kassierten wenig später die Mandate der SPD. Gewählte Stadtverordnete von bürgerlichen Parteien und dem Zentrum zogen sich aus der Politik zurück oder liefen zu den Nazis über. Schon bald gab es auch keine Frauen mehr im Rat der Stadt, aus den Stadtverordneten wurden fortan Ratsherren, die im Ein-Parteien-Staat ernannt wurden. Mit dem Preußischen Gemeindeverfassungsgesetz (PrGemVG 1933) vom 15. Dezember 1933 und endgültig mit der Deutschen Gemeindeordnung vom 31.01.1935 schafften die Nazis die Kommunalwahlen ab und setzten auch in diesem Bereich das „Führerprinzip“ durch. Die Oberbürgermeister wurden zu Betriebsführern und wie die Ratsherren ernannt. Als „Träger des Vertrauens der NSDAP“ wurden 1935 auch Walter Borbet, der Generaldirektor des Bochumer Vereins und weitere Wirtschaftsvertreter zu Ratsherren ernannt.

Verbunden mit der Machtergreifung im Rathaus, der Verwaltung und den Verwaltungsstellen in den Stadtteilen war die Machtübernahme der Nazis in den städtischen Betrieben wie der Bochum-Gelsenkirchner-Straßenbahn AG (Bogestra), den Stadtwerken und der Sparkasse sowie der Kommunalbank. Betriebsführer der Stadtwerke wurde der frühere Stadtrat Hugo Benking. Ein eingefleischter Nazi, der die Beschäftigten jeden Morgen mit dem Antreten zum Appell schikanierte und Untergebene immer wieder einschüchterte und terrorisierte. Die Führung der Bogestra übernahm NSDAP-Kreisleiter Ernst Riemenschneider selbst und machte sich zum kaufmännischen Straßenbahndirektor, natürlich mit entsprechender Dotierung. Bei der Sparkasse Bochum, deren Leiter zum 31.03.1933 in den Ruhestand versetzt worden war, wurde die Position des Sparkassendirektors dem NSDAP-Mitglied Alfred Kunzke übertragen. Er wurde auch Direktor der Kommunalbank AG Bochum. Die kommunalen Unternehmen wurden in der Folgezeit in die politischen und wirtschaftlichen Ziele eingebunden. Hierzu zählten auch die Ausgrenzung jüdischer Menschen und politischer Gegner in ihren Betrieben und die Arisierung. Später beteiligte sich die Bogestra an der Zwangsarbeit.

Aus: Günter Gleising - Verbrechen der Wirtschaft  - Der Anteil der Wirtschaft an der Errichtung der Nazidiktatur, der Aufrüstungs- und Kriegspolitik im Ruhrgebiet 1925 – 1945, Bochum 2017, RuhrEcho Verlag Bochum. Bestellung an: bestellung@ruhrecho.de