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ISBN 07 – Mit Stacheldraht gefesselt – Geleitwort

Der Gestapo-Morde, die unmittelbar vor Kriegsende im Rombergpark und in der Bittermark verübt wurden, wird alljährlich am Karfreitag gedacht. Die Erinnerung an diese grausamen Verbrechen des Nazi-Regimes öffentlich wachzuhalten, denen noch in den letzten Kriegstagen Hunderte von Menschen zum Opfer fielen – eine genaue Zahl ist nicht überliefert –, ist nicht nur ein Gebot historischen Andenkens,sondern mahnt uns immer wieder von Neuem, nationalistischer Überheblichkeit, rassisistischem Wahn und totalitären, menschenverachtenden Herrschaftsansprüchen mit aller Kraft entgegenzutreten. In Zeiten, in denen Ängste vor Überfremdung geschürt werden, nach einem starken Staat gerufen wird und unter die nationalsozialistische Vergangenheit ein endgültiger Schlußstrich gezogen werden soll, hat dieses Erinnern nichts von seiner Bedeutung eingebüßt.

Je größer die Zahl der Opfer, desto anonymer werden sie. Die Konturen der einzelnen Personen drohen in der Masse zu verschwimmen; sie werden letztlich gesichts- und namenlos. Bereits 1945 konnte nur ein Teil der Opfer, deutsche Widerstandskämpfer aus Dortmund und den umliegenden Städten, ausländische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus Frankreich, der Sowjetunion und anderen Ländern, identifiziert werden. Lore Junge hat Akten studiert, Bücher durchgearbeitet und Zeitzeugen befragt. Herausgekommen sind kürzere oder längere Biographien zahlreicher dieser Opfer, oft einfacher, engagierter Arbeiter, soweit sie sich noch aus den Quellen ermitteln ließen.

Die einzelnen Menschen, die von den Nazi-Schergen so brutal und bestialisch ermordet wurden, werden uns auf diese Weise ein kleines Stück nähergebracht. Über äußere Lebensdaten hinaus werden auch ihre Beweggründe, ihre Handlungen und Leiden erkennbar. Diese sehr persönliche, subjektive Sicht sollte allerdings nicht den Blick verstellen für die größeren gesellschaftlichen und politischen Zusammenhänge, unter denen solche schrecklichen Schicksale überhaupt erst möglich wurden. Dazu zählen nicht nur objektive Ursachen, wie die Folgen der Weltwirtschaftskrise und das Versagen der demokratischen Parteien, sondern auch autoritäre, nationalistische Einstellungen, die in der Bevölkerung, also auch in der Arbeiterschaft, weit verbreitet waren und ohne die der Nationalsozialismus sich nicht hätte behaupten können. Die vielen Antifaschisten, die Widerstand leisteten und dafür nicht selten mit ihrem Leben bezahlen mußten, können nicht darüber hinwegtäuschen, daß der größte Teil der Bevölkerung schwieg, mitmachte, ja sogar begeistert zustimmte.

Das Buch möge auch in diesem Sinne zu weiterem kritischen Nachdenken anregen.

Eberhard Weber, Vorsitzender DGB Dortmund